Der Heimvorteil: Wie viel er wert ist, und was die Pandemie über ihn bewies
Ein Experiment, das niemand geplant hatte, die leeren Stadien der Covid-19-Pandemie, maß erstmals in großem Maßstab, wie viel vom Heimvorteil vom Publikum kommt und wie viel von etwas ganz anderem.


Über mehr als ein Jahrhundert galt das Heimspiel im Fußball als offensichtlicher Vorteil, wurde aber selten präzise gemessen. Das änderte sich zwischen 2020 und 2021: Als die Covid-19-Pandemie Stadien weltweit über Monate leerte, hatten Forscher erstmals ein groß angelegtes Experiment zur Hand, um zu trennen, wie viel des Heimvorteils vom Publikum kommt und wie viel von anderen Faktoren.
Wie viel der Heimvorteil wert ist
In sieben europäischen Wettbewerben endeten zwischen den Saisons 2011/12 und 2020/21 46% der Spiele mit einem Heimsieg, 28% mit einem Unentschieden und nur 26% mit einem Auswärtssieg, fast doppelt so viele zu Hause gewonnene Spiele wie auswärts. In der Premier League lag das historische Verhältnis von Heim- zu Auswärtssiegen zwischen 1992/93 und 2019/20 bei fast 1,7 zu 1. In der Bundesliga wies die letzte vollständig normale Saison vor der Pandemie, 2018/19, einen gemessenen Heimvorteil von 57,63% auf.
Das Experiment, das die Pandemie unbeabsichtigt lieferte
Mit dem Zuschauerverbot in den Stadien 2020 und 2021 zeigte sich der Effekt fast sofort in den Zahlen. Eine breite Untersuchung des europäischen Fußballs zeigte, dass Auswärtssiege von 28,5% (2012-13) auf 32,5% (2020-21) stiegen, und in einzelnen Ligen fiel der Sprung noch größer aus: in der französischen Meisterschaft von 27,9% auf 36,8%; in der englischen Championship von 30,3% auf 36,7%; in der deutschen Meisterschaft fiel die Heimsiegquote von 45,1% auf 36,5%.
Eine Studie maß den Heimvorteil bei 17,8% mit Publikum, und bei nur 2,6% in Geisterspielen, ein Unterschied, der statistisch gleich null war. Der Torvorteil brach von 0,50 auf 0,11 pro Spiel ein. Eine separate, unabhängige Studie mit 4.356 Spielen aus 12 Ligen in 8 Ländern fand einen ähnlichen Rückgang: von 0,39 auf 0,23 zusätzliche Punkte pro Heimspiel und von 0,29 auf 0,17 zusätzliche Tore, begleitet von weniger Ecken, weniger Torschüssen und weniger Schüssen aufs Tor der Heimmannschaft.
In der Bundesliga speziell fiel der mit 54,35% gemessene Heimvorteil in Spielen mit Publikum (223 Spiele) auf 44,1% in Geisterspielen (die letzten 83 Spiele der Saison 2019/20), genug, um die Heimbilanz umzukehren, die von mehr Siegen als Niederlagen zu mehr Niederlagen als Siegen in dieser Schlussphase wechselte. In Italien fiel der Heimvorteil der Serie B im Vergleich der Saisons 2018/19 und 2020/21 von 62,8% auf 56,1%.
| Vor und nach den leeren Stadien | Mit Publikum | Ohne Publikum |
|---|---|---|
| Heimsiege (europäische Studie, 12 Ligen) | 46% | 36% |
| Punktevorteil pro Spiel (12 Ligen, 8 Länder) | 0,39 | 0,23 |
| Torvorteil pro Spiel (12 Ligen, 8 Länder) | 0,29 | 0,17 |
| Bundesliga, Heimvorteil | 54,35% | 44,1% |
In der Premier League 2020/21, die fast vollständig ohne Publikum ausgetragen wurde, schrumpfte der Heimvorteil um 44% gegenüber dem Durchschnitt vor der Pandemie, genug, um den Unterschied zwischen Heim- und Auswärtsspiel praktisch auszulöschen. Der Effekt war in Englands unteren Ligen deutlich schwächer, die zwischen 18% und 29% zurückgingen.
Warum das passiert: drei geprüfte Hypothesen
Die am meisten untersuchte Erklärung ist der vom Publikum ausgelöste Schiedsrichter-Bias. Eine Studie ergab, dass das Auswärtsteam bei vollem Stadion mehr gegen sich gepfiffene Fouls, mehr gelbe und mehr rote Karten erhält als die Heimmannschaft, ein Unterschied, der in Spielen ohne Publikum fast vollständig verschwindet. Eine andere Untersuchung nannte eine genaue Zahl: Ohne Publikum erhielten Heimmannschaften im Schnitt 0,78 mehr gegen sich gepfiffene Fouls und 0,11 mehr gelbe Karten pro Spiel, verglichen mit vergleichbaren Spielen mit Publikum.
Die zweite Hypothese, die Reisemüdigkeit der Gastmannschaft, verlor mit der Zeit an Kraft. Eine 57 Jahre umfassende Bundesliga-Studie (1964-2020) fand einen statistisch signifikanten Effekt der vom Gastteam zurückgelegten Distanz auf den Heimvorteil im Zeitraum 1964-1989, doch dieser Effekt halbierte sich nahezu und war zwischen 1990 und 2020 statistisch nicht mehr relevant.
Die dritte Hypothese, die Vertrautheit mit dem Spielfeld, brachte vielleicht den überraschendsten Befund. Eine Studie untersuchte Derbys, die im GLEICHEN Stadion ausgetragen wurden, Milan gegen Inter, Roma gegen Lazio, zwischen 1988-89 und 2003-04, und fand keinerlei Vorteil für die als Heimmannschaft bezeichnete Seite: Im Schnitt holte sie nur 1,14 Punkte pro Spiel, gegenüber 1,42 für den Gast, selbst mit dem vollständigen lokalen Publikum im Stadion. In normalen Spielen derselben Teams gegen ähnlich starke Gegner tauchte der Heimvorteil wieder deutlich auf: 1,64 Punkte pro Spiel zu Hause gegenüber 0,91 auswärts.
Die Erholung, nachdem das Publikum zurückkehrte
Sobald die Zuschauer in die Stadien zurückkehrten, kehrte auch der Heimvorteil zurück. In der Premier League stieg das Verhältnis von Heim- zu Auswärtssiegen 2021/22 auf 1,26 und lag 2022/23 bereits wieder auf dem historischen Niveau vor der Pandemie. In der Bundesliga zeigte die Saison 2020/21, mit teilweisem Zuschauerverbot, bereits einen Heimvorteil sehr nahe am Wert von 2018/19; in der folgenden Saison, mit unterschiedlicher Zuschauerkapazität, folgte der Effekt einer U-förmigen Beziehung zur Stadionauslastung, vollere Ränge, größerer Vorteil.
Wie sich der Vorteil heute zwischen den Ligen unterscheidet
Mit zurückgekehrtem Publikum unterscheidet sich die Größe des Heimvorteils weiterhin von Liga zu Liga. Die Zahlen der Tabelle stammen aus dem Archiv von Soccer Addicted, der Spieldatenbank der Website, und gelten für die Saison 2025/26. Unter Europas fünf größten Ligen holt La Liga den größten Anteil ihrer Punkte zu Hause, 62,2%. Anders gesagt: Von 100 Punkten, die die Teams von La Liga sammelten, kamen 62 aus Heimspielen. Die italienische Serie A hat den kleinsten Anteil, 52,2%.
| Liga | % der zu Hause geholten Punkte (2025/26) |
|---|---|
| La Liga | 62,2% |
| Ligue 1 | 59,1% |
| Premier League | 56,9% |
| Bundesliga | 56,6% |
| Serie A | 52,2% |
Eine weitere Messgröße ist die Heimsiegquote, der Anteil der Spiele, die die Heimmannschaft gewann, in der Saison 2025/26. Sie umfasst die 12 europäischen Ligen des Archivs: die fünf größten, ihre zweiten Ligen, die niederländische Eredivisie und die portugiesische Primeira Liga. La Liga hat mit 48,9% den höchsten Wert, die Ligue 2, Frankreichs zweite Liga, mit 37,6% den niedrigsten: mehr als 11 Prozentpunkte Abstand. In Italien begünstigte die zweite Liga (Serie B, 45,0%) die Heimmannschaft stärker als die erste (Serie A, 38,9%).
In Brasilien erreichte die Brasileirão Série A 2026 den 27. Spieltag mit Heimsiegen in 47% der Spiele, gegenüber 29% Unentschieden und 24% Auswärtssiegen, Werte in derselben Größenordnung wie in Europas größten Ligen. Eine akademische Studie mit zehn Jahren Brasileirão-Daten (1998 bis 2007, 3.836 Spiele) hatte bereits ergeben, dass Klubs im Schnitt 25% häufiger zu Hause gewannen als auswärts.
Der Extremfall: Höhenlage
Kein einzelner Faktor erzeugt einen so großen Vorteil wie ein Höhenunterschied. In einem hypothetischen Spiel Bolivien gegen Brasilien, mit dem Höhenunterschied von 3.695 Metern zwischen La Paz und Meereshöhe, hat die bolivianische Heimmannschaft eine geschätzte Siegwahrscheinlichkeit von 82,5%, gegenüber nur 53,7%, wenn beide Teams auf derselben Höhe spielen. Es ist dieselbe Logik, ins Extreme getrieben, die erklärt, warum südamerikanische Nationalmannschaften historisch zögern, Qualifikationsspiele in La Paz oder Quito zu bestreiten.
Das vollständige Bild ist also komplizierter als "das Publikum schiebt das Team an": Ein Teil des Heimvorteils kommt tatsächlich von der Unterstützung auf den Rängen, und verschwindet fast vollständig ohne sie, ein anderer Teil kommt jedoch von Dingen, für die das Publikum gar nicht anwesend sein muss, etwa jedes Detail des Spielfelds zu kennen oder schlicht dünnere Luft zu atmen als der Gegner.
Liegt der Heimvorteil eher am Publikum oder am Schiedsrichter?
Korrektur: im Text stand "4.844 Spielen aus 11 Ländern" und ein Rückgang "von 0,39 auf 0,22 zusätzliche Punkte" und "von 0,29 auf 0,15 zusätzliche Tore". Die zitierte Quelle (PMC8566522) nennt 4.356 Spiele aus 12 Ligen in 8 Ländern, mit einem Rückgang von 0,39 auf 0,23 Punkte pro Spiel und von 0,29 auf 0,17 Tore pro Spiel.
Korrektur vom 25. Oktober 2026: In dieser Analyse hieß es, die Bundesliga hänge unter Europas fünf größten Ligen am wenigsten vom Heimvorteil ab. Die eigene Tabelle zeigte die Premier League und die Serie A mit einem kleineren Anteil an Heimpunkten, und keine Zahl nannte die Saison. Tabelle, Ligavergleich und Antwort auf die Frage nach dem größten Heimvorteil stammen jetzt aus dem Archiv von Soccer Addicted, Saison 2025/26. Dort hat die Serie A den kleinsten Anteil an Heimpunkten, 52,2%.
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- The Conversation: As football returns in empty stadiums, four graphs show how home advantage disappears (öffnet in neuem Tab)
- ESPN: Bundesliga suggests home-field advantage a thing in empty stadiums (öffnet in neuem Tab)
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- Football Perspectives: Familiarity with the stadium is more important than home advantage crowd support (öffnet in neuem Tab)
- Futdados: Estatísticas Série A do Brasileirão (öffnet in neuem Tab)
- SciELO: O fator casa no futebol brasileiro (öffnet in neuem Tab)
- UNC PIT Journal: Home advantage in soccer (öffnet in neuem Tab)
Häufige Fragen
- Wie groß ist der Heimvorteil im Fußball?
- In sieben europäischen Wettbewerben zwischen 2011/12 und 2020/21 endeten 46% der Spiele mit einem Heimsieg, gegenüber 26% Auswärtssiegen, fast doppelt so viele.
- Ist der Heimvorteil in den Geisterspielen der Pandemie wirklich gesunken?
- Ja, messbar. Eine Studie mit über 4.300 Spielen aus 12 europäischen Ligen fand einen Rückgang von 41% beim Punkte- und Torvorteil der Heimmannschaft ohne Zuschauer.
- Beeinflusst das Publikum die Schiedsrichter?
- Studien deuten darauf hin: Bei vollem Stadion erhält das Auswärtsteam mehr Fouls und Karten; ohne Zuschauer verschwindet dieser Unterschied fast.
- Welche Liga hat den größten Heimvorteil?
- Unter Europas fünf größten Ligen ist es La Liga, laut Archiv von Soccer Addicted (Saison 2025/26): 62,2% der Punkte holte sie zu Hause. Dort gewann die Heimmannschaft 48,9% der Spiele; den kleinsten Anteil an Heimpunkten hat die italienische Serie A mit 52,2%.
- Zählt die Stadionvertrautheit mehr als das Publikum?
- Bei Derbys im gemeinsamen Stadion, wie Milan gegen Inter, fand eine Studie keinerlei Heimvorteil für die als Heimmannschaft bezeichnete Seite, selbst mit vollem lokalem Publikum, da der Gast das Spielfeld ebenso gut kannte.
- Was ist der extremste Fall von Heimvorteil?
- Spiele mit großem Höhenunterschied. Im Szenario Bolivien gegen Brasilien, mit 3.695 Metern Höhendifferenz, hat die bolivianische Heimmannschaft eine Siegwahrscheinlichkeit von 82,5%, gegenüber 53,7% wenn beide Teams auf derselben Höhe spielen.





